Zwischen Flow und Überforderung: Warnzeichen für Führungskräfte

7. Juni 2026
Fokussierte Führungskraft arbeitet abends im Büro am Notebook zwischen Flow und Überforderung.

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Kennst du das Gefühl, wenn Arbeit plötzlich mühelos fließt? Wenn du so tief in einer Aufgabe versinkst, dass Zeit und Raum verschwimmen? Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi nennt das Flow: jenen Zustand, in dem Fähigkeiten und Herausforderung im Gleichgewicht sind.

Für Führungskräfte ist dieser Zustand keine Seltenheit, aber auch keine Selbstverständlichkeit. Du kennst ihn vielleicht aus dem Gespräch, das sich plötzlich öffnet. Dem Strategieworkshop, in dem alle an einem Strang ziehen. Der Entscheidung, die sich nach langem Ringen klar und richtig anfühlt. In solchen Momenten bist du nicht nur produktiv. Du bist in einem positiven und motivierenden inneren Zustand.

Csíkszentmihályi hat in seinen Forschungen etwas Entscheidendes herausgefunden: Flow entsteht nicht bei zu einfachen Aufgaben und nicht bei zu schweren. Er entsteht dort, wo eine Aufgabe uns an die Grenzen unseres Könnens bringt, ohne uns zu überwältigen. Diese Zone ist schmal. Und sie verschiebt sich mit jedem neuen Projekt, jeder neuen Verantwortung, jeder Veränderung im Team.

Das ist die eigentliche Herausforderung in der Führung: Du managst nicht nur Aufgaben. Du managst deine eigene Belastungsgrenze und die deiner mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen.

Und dann gibt es den anderen Zustand. Den, den viele kennen, aber selten benennen. Die Last, die kaum noch tragbar erscheint und auf Dauer in die Überforderung führen kann.

„42 Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich durch den Job oft verbraucht. 33 Prozent können nach der Arbeit nicht abschalten.“

Quelle: TK-Stressreport 2026

Die zwei Lasten im Berufsleben

Die alte Sprache der griechischen Antike hatte zwei verschiedene Wörter für „Last“, und das ist kein Zufall.

„Phortion“ ist das Bild des tragbaren Marschgepäcks: die Verantwortung, die zu einer Aufgabe gehört und die wir bewältigen können. Das Projekt, das du leitest, das den Erwartungen gemäß funktioniert und eine positive, sinnstiftende Herausforderung darstellt. Das ist gesunde Belastung. Sie gibt Struktur, Würde und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Sie ist der Boden, auf dem Flow entstehen kann.

„Baros“ ist etwas anderes. Es ist die Last, die das normale Maß übersteigt und uns zu erdrücken droht. Der Mitarbeiter, der merkt, dass er sich mit einem Projekt völlig übernommen hat. Das Team, das in einem Konflikt feststeckt, aus dem niemand allein herausfindet. Die Bürokratie, die die eigentliche Arbeit zu ersticken droht.

Wie kannst du hier eine Unterscheidung treffen? Erlaube dir dein persönliches Jour fixe:

  1. Nimm dir einmal pro Woche zehn Minuten Zeit.
  2. Frage dich ehrlich, welche deiner aktuellen Aufgaben „Phortion“ sind und welche „Baros“.
  3. Schreib beides auf.

Schon das bewusste Benennen schafft Klarheit und öffnet den Blick für das, was du wirklich brauchst: Delegation, Unterstützung oder eine klare Grenze.

Die unsichtbaren Antreiber

Überforderte Führungskraft arbeitet multitasking am Schreibtisch, während Kollegen entspannt im Hintergrund sprechen und lachen.

Doch oft kommt das „Baros“ nicht von außen. Es entsteht in uns selbst: durch unbewusste Glaubenssätze, durch innere Überzeugungen, die uns antreiben. Die Psychologie beschreibt fünf davon, die in vielen von uns wirken:

„Sei perfekt!“: Mache keine Fehler, kontrolliere alles

Die Teamleiterin, die jede E-Mail ihrer Mitarbeitenden noch einmal gegenliest, bevor sie rausgeht. Die Präsentation, die eigentlich fertig ist, aber noch ein letztes Mal überarbeitet wird. Und noch einmal. Perfektion als Schutzschild: Wenn alles makellos ist, kann niemand etwas sagen. Was nach außen wie Qualitätsbewusstsein wirkt, kostet innerlich enorme Kraft und raubt dem Team das Vertrauen, selbst Verantwortung zu tragen.

Frage dich: Ist das gut genug, oder muss es perfekt sein? Übe bewusst, dass „das Gute gut genug ist“: Sende eine E-Mail ab, ohne sie ein drittes Mal zu lesen. Delegiere eine Aufgabe, ohne das Ergebnis zu korrigieren. Perfektion ist oft Kontrolle in Verkleidung. Und Kontrolle ist Misstrauen, das sich selbst nicht so nennt.

„Sei stark!“: Zeige keine Schwäche, brauch keine Hilfe

Der Projektleiter, der längst weiß, dass er das Pensum nicht mehr schafft, aber in jeder Runde sagt: „Passt, ich hab’s im Griff.“ Die Führungskraft, die abends als letzte das Büro verlässt, nicht weil sie muss, sondern weil Hilfe annehmen sich falsch anfühlt. Stärke wird zur Fassade. Und hinter der Fassade wächst das Baros unbemerkt weiter.

Echte Stärke ist nicht die Abwesenheit von Schwäche. Sie ist der Mut, sie zu zeigen. Probiere es einmal bewusst aus: Sag in deinem nächsten Teammeeting einen Satz wie „Das überfordert mich gerade, ich brauche hier Unterstützung.“ Du wirst erleben, dass nicht Respekt verloren geht, sondern Vertrauen entsteht. Führungskräfte, die Verletzlichkeit zeigen, geben ihrem Team die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

„Mach es allen recht!“: Vermeide Konflikte um jeden Preis

Die Kollegin, die im Meeting immer wieder Zustimmung signalisiert, obwohl sie weiß, dass sie sich damit weiter überfordert. Der Manager, der ein schwieriges Feedbackgespräch seit Wochen vor sich herschiebt, weil er nicht als „zu hart“ gelten will. Harmonie um jeden Preis hat ihren Preis: Ungelöste Konflikte werden schwerer, nicht leichter. Und wer nie Nein sagt, trägt bald die Last aller anderen mit.

Ein Nein zu einer Aufgabe ist oft ein Ja zu deiner Wirksamkeit. Übe die „konstruktive Absage“: Statt einfach zuzusagen, frag dich zuerst: Was gebe ich auf, wenn ich Ja sage? Und dann kommuniziere klar: „Ich würde das gerne übernehmen, aber dann fällt X hinten runter. Welche Priorität setzt du?“ Das ist kein Konflikt. Das ist gesunde Selbstführung.

„Streng dich an!“: Nur was Mühe kostet, ist wertvoll

Die Überzeugung, dass Ergebnisse, die leicht kamen, weniger wert sind. Dass Pausen Faulheit bedeuten. Dass ein guter Tag einer ist, an dem man bis zur Erschöpfung gearbeitet hat. Wer so denkt, sabotiert unbewusst seinen eigenen Flow, denn Flow fühlt sich mühelos an. Und was sich mühelos anfühlt, kann doch nicht „richtig“ sein, oder?

Führe für eine Woche ein „Energie-Tagebuch“: Notiere nach jeder Aufgabe kurz, wie du dich dabei gefühlt hast: erschöpft oder lebendig? Du wirst Muster entdecken. Die Aufgaben, die sich leicht anfühlen, sind oft genau die, für die du wirklich gemacht bist. Flow ist kein Zeichen von Faulheit. Er ist ein Leistungskompass.

„Beeil dich!“: Steh nie still, sei immer in Bewegung

Der volle Kalender als Statussymbol. Das schlechte Gewissen beim Mittagessen ohne Laptop. Die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wer immer in Bewegung ist, kommt nie an. Und wer nie ankommt, merkt nicht, wann er die Grenze vom gesunden „Phortion“ zum erdrückenden Baros längst überschritten hat.

Plane unaufschiebbare Pausen wie Meetings als Termin mit dir selbst im Kalender ein. Nicht als Belohnung, sondern als strategische Investition. Das Gehirn verarbeitet und konsolidiert in der Stille, nicht im Lärm. Viele der besten Entscheidungen entstehen nicht im nächsten Meeting, sondern auf dem Spaziergang danach.

Diese fünf Antreiber können motivieren. Aber sie können auch zur inneren Tyrannei werden. Das Tückische: Sie sind oft die Eigenschaften, für die wir gelobt werden. Pünktlich. Zuverlässig. Engagiert. Belastbar. Erst im aufmerksamen Gespräch mit einem Coach, einer Führungskraft, einem Kollegen, dem man vertraut, lässt sich manches „Baros“ entdecken, bevor es zum Zusammenbruch führt.

Die Frage ist nicht, ob du einen dieser Antreiber kennst. Die Frage ist: Welcher davon sitzt gerade am Steuer deines Lebens?

Welche Bedeutung hat das für dich als Führungskraft?

Als Führungskraft ist die entscheidende Frage nicht: „Wie viel kann mein Team tragen?“

Sondern: „Welche Last trage ich gerade, und welche tragen andere für mich, ohne dass ich es sehe?“

Erfahrene Führungskräfte kennen den Unterschied zwischen „Phortion“ und „Baros“ bei sich selbst und bei ihren Mitarbeitern. Sie trauen anderen zu, ihr eigenes Marschgepäck selbst zu tragen. Und sie stehen daneben, wenn jemand im Verborgenen unter einer Last zusammenzubrechen droht.

Stress ist kein Feind. Er ist ein Feedback-System. Er zeigt, wo Grenzen überschritten werden. Wer lernt, ihn zu hören, statt ihn zu unterdrücken, kann gegensteuern, bevor aus gesunder Herausforderung echte Erschöpfung wird.

Etabliere in deinem Team ein einfaches Ritual: ein kurzes, regelmäßiges Einzelgespräch, nicht über Aufgaben, sondern über Energie und Selbstwahrnehmung. Frag nicht: „Was hast du diese Woche erledigt?“, sondern frag: „Wie geht es dir wirklich gerade?“ Dieser eine Satz verändert die Beziehung. Und er kann verhindern, dass jemand still unter einem Baros zusammenbricht, das du hättest sehen können.

Die Einladung zum Flow

Flow kommt nicht auf Knopfdruck. Aber er lässt sich einladen: durch klare Ziele, durch Aufgaben, die fordern, ohne zu überfordern, und durch eine Kultur, in der Menschen sagen dürfen, wenn das Gepäck zu schwer wird.

Als Coach erlebe ich immer wieder: Der erste Schritt aus der Überforderung ist selten eine große Veränderung. Er ist ein ehrliches Gespräch. Mit einem anderen. Oder mit sich selbst.

Zwischen Flow und Überforderung liegt oft nur eine aufrichtige Frage:

„Wie geht’s dir wirklich?“

Wenn du diese Frage in deiner eigenen Führungsrolle weiter klären möchtest, kann Führungskräfte-Coaching ein geschützter Raum dafür sein: um Lasten, Rollen, innere Antreiber und nächste Schritte ehrlich zu sortieren, bevor aus gesunder Herausforderung Überforderung wird.

Autor

Profilbild von Mathias Hühnerbein, Inhaber von proCEO – die Kompetenz.Entwickler.

Mathias Hühnerbein

Geschäftsführender Inhaber von proCEO, Master-Coach, Lehr-Supervisor, Ausbilder EASC, Organisationsberater, Mediator, Mentor und Resilienzberater.

Mathias Hühnerbein ist als akkreditierter Lehrtrainer und Ausbilder im proCEO Institut für die Ausbildung in den Bereichen Coaching und Supervision verantwortlich.

Mit über 16.000 Stunden Beratungserfahrung arbeitet Mathias als freiberuflicher Coach, Master-Coach, Lehr-Coach, Supervisor, Lehr-Supervisor, Resilienzberater und Trainer mit Fach- und Führungskräften, Teams und Organisationen.

Außerdem war Mathias Hühnerbein als Honorardozent an der OHM Professional School in Nürnberg tätig.

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